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Neue Kombinationstherapie bei metastasiertem Brustkrebs

Interview mit Prof. Volkmar Müller, Hamburg

Worauf legen Sie als Therapeut bei einer Patientin mit metastasiertem Mammakarzinom besonderen Wert?

Prof. Müller: Bei fortgeschrittenem Brustkrebs haben sich bereits Absiedlungen des Krebses (Metastasen) an anderen Stellen des Körpers gebildet. In diesem Stadium ist die Erkrankung in der Regel nicht mehr heilbar. Das ist für die Patientin eine weitreichende, erst einmal schwer zu verkraftende Diagnose. In dieser Situation ist es wichtig zu betonen, dass es trotzdem viele Therapiemöglichkeiten gibt, die den Krebs aufhalten können. Wir können auch diesen Patientinnen ein Leben mit guter Lebensqualität bieten. Das Ziel der Therapie ist es einerseits das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern und anderseits, die durch den Krebs beeinträchtigte Lebensqualität wieder herzustellen bzw. zu verbessern und dies über einen möglichst langen Zeitraum aufrechterhalten zu können.
 


 

Welche Therapieoptionen kann man Patientinnen mit metastasiertem Mammakarzinom heute anbieten, wenn eine anti-hormonelle Therapie nicht  in Frage kommt?

Prof. Müller: Eine Möglichkeit ist die Gabe von Medikamenten (Chemotherapeutika), die die Teilung (Vermehrung) der Tumorzellen hemmen. Erfreulich ist, dass es heute auch Chemotherapeutika in Tablettenform gibt. So können die Patientinnen die Therapie  zu Hause durchführen und müssen nicht mehr zur Infusionen in die Praxis kommen. Damit sind die Frauen unabhängiger in ihrer Lebensplanung und können beispielsweise leichter verreisen. Ein weiterer Vorteil dieser Chemotherapie-Tabletten ist, dass sie nicht zu Haarausfall führen und auch insgesamt gut verträglich und wirksam sind. Viele Patientinnen sehen in dieser Art der Therapie eine gute Behandlungsoption.

Es gibt noch eine weitere große Hoffnung, das sind neue Wirkstoffe, die das Tumorwachstum über andere Ansatzpunkte hemmen. Dazu zählen die so genannten Angiogenese-Hemmstoffe. Darunter versteht man Medikamente, die die Bildung von Blutgefäßen und somit die Versorgung des Tumors unterbinden. Das ist ein gänzlich anderer Angriffspunkt zur Hemmung des Tumorwachstums als der der herkömmlichen Chemotherapeutika. Man weiß schon lange, dass Tumoren für Wachstum und Metastasenbildung eine eigene Blutversorgung brauchen. Sie senden hierfür Botenstoffe aus, die dazu führen, dass neue Blutgefäße gebildet werden, die den Tumor oder Metastasen versorgen. Es ist nun gelungen, so genannte Antikörper herzustellen, die die ausgesendeten Botenstoffe abfangen. Hierdurch wird die Neubildung von Blutgefäßen verhindert, was den Tumor oder die Metastase in der Nährstoffversorgung beeinträchtigt -  also bildlich gesprochen aushungert. Hierdurch wird das Wachstum stark beeinträchtigt oder vollständig blockiert.
 


 

Wie steht es mit der Verträglichkeit dieser neuen Angiogenese-Hemmstoffe?

Prof. Müller: Auch Angiogenese-Hemmstoffe haben natürlich Nebenwirkungen, da eine ganze Reihe von Vorgängen im Körper ebenfalls von der Blutgefäßneubildung abhängen. So kann es zu Wundheilungsstörungen kommen, die in der Regel aber nur ein Problem darstellen, wenn Patienten operiert werden müssen. Es kann aber auch zu Bluthochdruck, zu Nasenbluten oder vermehrter Eiweißausscheidung im Urin kommen. All diese Nebenwirkungen sind aber gut behandelbar und in der Regel nicht schwerwiegend.

Macht es Sinn, diese neuen Wirkstoffe mit einer Chemotherapie in Tablettenform zu kombinieren?

Prof. Müller: Ja - die Überlegung lag nahe, diese unterschiedlichen Wirkprinzipien zu verknüpfen. Man hat dies aktuell in einer Studie geprüft. Der Vorteil ist hierbei, dass sich diese beiden Medikamentengruppen in ihrer Wirksamkeit ergänzen, aber ein unterschiedliches Spektrum von Nebenwirkungen aufweisen und es nicht zu einer Verstärkung der einzelnen Nebenwirkungen kommt.
Die Ergebnisse dieser Studie wurden auf dem diesjährigen Kongress der Gesellschaft  für Senologie vorgestellt. Die Kombination dieser beiden Wirkprinzipien erbrachte einen erheblichen Vorteil. So schnitt die Gruppe, die eine Kombinationstherapie aus Chemotherapie-Tablette und Angiogenese-Hemmer erhielt, im Vergleich zu der Gruppe, die nur eine alleinige Chemotherapie bekam, besser ab. In der Kombinationstherapie-Gruppe war die Zahl der Patientinnen, die auf die Therapie ansprachen deutlich höher (+50%); außerdem verlängerte sich die Zeit, in der die Erkrankung nicht weiter fortschritt, ebenfalls um 50% auf fast 9 Monate.


 

Für welche Patientinnen mit fortgeschrittenem Mammakarzinom ist diese Kombination besonders geeignet?

Prof. Müller: Dies hängt stark von der einzelnen Patientin ab. So gibt es beispielsweise Frauen, die den Haarausfall während vorangegangener Chemotherapien als sehr traumatisch erlebt haben und diese Nebenwirkung auf keinen Fall mehr in Kauf nehmen wollen.  Diesen können wir mit dieser Kombination eine wirksame Therapieoption anbieten.
Andere Patientinnen legen Wert auf eine möglichst große Unabhängigkeit und empfinden zu enge Infusionsintervalle als belastend. Auch hier ist die Kombinationstherapie eine Option, bei welcher ein Kombinationspartner alle 3 Wochen über eine Infusion verabreicht wird.
Voraussetzung für einen guten Verlauf dieser Kombination aus Chemotherapie-Tablette und Angiogenese-Hemmer ist jedoch, dass die Patientinnen genau Buch über die Tabletteneinnahme führen. Wichtig ist auch, dass sie in der Lage sind, Nebenwirkungen rechtzeitig zu erkennen und Ihren Arzt kontaktieren.

Welche Rolle spielt die Lebensqualität der Patientinnen in dieser Behandlungssituation?´

Prof. Müller: Lebensqualität bedeutet natürlich für jeden Menschen etwas anderes. Allgemein versteht man darunter das subjektive Wohlfühlen. Wir Ärzte können aber erheblich zu einer guten Lebensqualität unserer Patienten beitragen. Dies reicht von der individuellen Wahl der Medikamente, über die Linderung krankheitsbedingter Beschwerden bis hin zu Maßnahmen, die Nebenwirkungen abmildern. Als Beispiel möchte ich hier die Linderung der durch Lungenmetastasen bedingten Luftnot oder der Schmerzbehandlung bei Knochenmetastasen nennen.
Zur Lebensqualität gehören auch weitere Faktoren wie zum Beispiel ein Leben nach eigenen Wünschen und Vorstellungen. Auch hier bietet eine Therapie in Tablettenform natürlich Vorteile.
In den letzten Jahren ist die Lebensqualität vermehrt in den Blickpunkt gerückt. So werden Therapiemöglichkeiten nicht mehr nur nach ihrer Wirksamkeit bewertet, sondern auch nach der Lebensqualität, die die Patientin unter der Therapie hat. Dank neuer Medikamente ist man heute zum Glück meist in der Lage, die Therapie so zu wählen, dass sie die Lebensqualität der Patientin möglichst wenig beeinträchtigt.


 

Behandlungsempfehlungen bieten Ärzten und Patientinnen die Möglichkeit, sich zu orientieren. Wurde diese neue Kombinationstherapie bereits in die Empfehlungen zur Behandlung des Brustkrebses aufgenommen?

Prof. Müller: Aufgrund der positiven Ergebnisse, die ich oben erwähnt habe, wurde die Kombination der Tabletten-Chemotherapie mit einem Angiogenese-Hemmer in die Empfehlungen der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Gynäkologische Onkologie aufgenommen.


 

Wo finden Patientinnen Informationen zur Brustkrebsbehandlung und zu Leitlinien?

Eine Möglichkeit ist das Portal der Deutschen Krebsgesellschaft hier finden Patientinnen übersichtlich aufbereitete Informationen. Eine weitere gute Informationsquelle ist die Internetseite der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Gynäkologische Onkologie (Arbeitskreis Mammakarzinom). Hier steht eine Patientenfassung der aktuellen Leitlinie zur Brustkrebstherapie, die sich die Patientinnen herunterladen können. Wichtig ist, dass die Patientinnen darauf achten, dass sie Informationen aus vertrauenswürdigen Quellen ziehen, die zum Beispiel von Fachgesellschaften oder ausgewiesenen Experten kontrolliert werden.
 

 
Mit freundlicher Unterstützung von Roche Pharma AG

 

www.roche-onkologie.de


Aktualisiert am: 09.09.11 - 10:36



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