Prof. Ralf-Dieter Hofheinz vom Universitätsklinikum Mannheim beantwortet für Sie häufige Fragen zu Darmkrebs aus unserem Diskussionsforum.
Wenn bei der Krebsvorsorge mit Haemocult die Stuhlproben negativ sind, also kein Blut festgestellt wird, kann man dann sicher sein, dass man keinen Darmkrebs hat?Nein, nicht zu 100%. Die sicherste Methode, Darmkrebs auszuschließen, ist die Darmspiegelung. Diese ist Kassenleistung und sollte ab dem 50. Lebensjahr in Anspruch genommen werden, bei familiärer Vorbelastung schon eher.
Ist der neue Tumor M2-PK Stuhltest sinnvoll und besser als der übliche Haemoculttest? Kann dadurch die Darmspiegelung ersetzt werden? Nein, dieser und auch andere neuere Tests werden von den Leitlinien nicht als Alternative empfohlen, weil sie noch nicht gut genug sind. Sie können den Haemoculttest oder auch eine Koloskopie, was die Zuverlässigkeit betrifft, nicht ersetzen.
Warum wird heute zur Vorsorge die Darmspiegelung eingesetzt und nicht alternativ die weniger belastende Kapselendoskopie? Weil dieses Verfahren ebenfalls nicht so zuverlässig ist wie eine Darmspiegelung, es kann leichter eine Krebsvorstufe oder ein Tumor übersehen werden. Viele Patienten wissen außerdem nicht, dass auch vor einer Kapselendoskopie die unangenehme Darmspülung durchgeführt werden muss. Ein weiterer Nachteil: Wenn etwas Verdächtiges entdeckt wird, kann im Gegensatz zur Darmspiegelung nicht sofort eine Probe entnommen oder ein Polyp entfernt werden. In diesem Fall würde sich dann ohnehin noch eine Koloskopie anschließen.
Nach einer Darmkrebs-Operation raten Ärzte häufig zu einem künstlichen Darmausgang. Ist dies unbedingt nötig oder gibt es Alternativen?Nur wenn der Enddarm, also die letzten 16 cm des Darmes vom Tumor betroffen sind, ist mitunter ein Stoma nötig. Das aber meist auch nur vorübergehend, damit die Operationsnaht gut heilen kann. Eine Alternative gibt es nicht. Ohne Stoma würde sich das Risiko für Wundheilungsstörungen stark erhöhen.
Da an meinem Enddarm operiert wurde, habe ich nun Angst, eventuell inkontinent zu werden, wenn der Ausgang zurück verlegt wird. Soll ich das Stoma lieber behalten? Wenn der Schließmuskel mit betroffen war, ist das Risiko einer Inkontinenz gegeben. Aber das betrifft nur einen sehr geringen Teil der Enddarmkrebspatienten. Man muss sehr genau abwägen: Eine Stuhl-Inkontinenz kann die Lebensqualität wesentlich stärker beeinträchtigen als ein dauerhaftes Stoma. Darum sollte man nicht auf Biegen und Brechen ein Stoma zurückverlegen, wenn die Funktionsfähigkeit des Schließmuskels nicht sicher wiederhergestellt werden kann.
Nach Darmkrebs-Op und Stoma-Rückverlegung darf meine Mutter laut Aussage der Ärzte wieder alles essen. Allerdings hat sie starke Probleme mit der Verdauung, heftige Blähungen und Krämpfe und muss sehr oft zur Toilette. Wie lange hält diese Überempfindlichkeit des Darms an und gibt es Medikamente oder Ergänzungsstoffe, die die Heilung positiv beeinflussen?Man kann dazu keine allgemeinen Empfehlungen geben, weil das bei jedem Patienten anders ist. Auch eine Vorhersage, wie lange dieser Zustand anhält, ist schwierig. Meist sagen wir, nach einem halben oder einem Jahr sollte es besser werden. Abgesehen von der Zeit direkt nach der Operation gibt es keine Standard-Diät, vieles beruht auf dem Prinzip Versuch und Irrtum. An vielen Kliniken und Darmzentren gibt es aber auch spezialisierte Ernährungsberater, die die Patienten unterstützen können.
Immer wieder wird gefragt, ob eine adjuvante Chemotherapie wirklich notwendig ist, insbesondere wenn keine Metastasen vorliegen und die Aussichten auf vollständige Heilung gut sind. Welche Patienten sollten eine Chemotherapie erhalten und warum, und bei welchen Patienten ist eine Chemotherapie nicht nötig?Sobald ein Lymphknoten befallen war, wird eine Chemotherapie empfohlen. Man kann dadurch das Risiko eines Rückfalles verringern, wenn auch nicht eine endgültige Heilung garantieren. Patienten, die eine Chemotherapie ablehnen, können auch geheilt sein – aber mit geringerer Wahrscheinlichkeit.
Wenn keine Lymphknoten betroffen sind und das Rückfallrisiko also ohnehin sehr gering ist, bringt eine vorbeugende Chemotherapie für die meisten Patienten keinen zusätzlichen Nutzen. Diese Patienten werden also nicht etwa nicht behandelt, weil sie es „nicht wert“ sind oder die Krankenkasse nicht zahlen möchte, sondern schlicht, weil die Behandlung unnötig ist und mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen würde.
Mitunter wird vor der Operation der Tumor mittels einer Strahlentherapie und einer Chemotherapie verkleinert. Kann man diese Therapie nicht einfach so lange fortsetzen, bis der Tumor verschwunden ist und damit die Operation vermeiden?Auch wenn bei einer sogenannten neoadjuvanten Therapie der Tumor komplett verschwindet, d.h. mit bloßem Auge nicht mehr sichtbar ist, sollte nach heutigen Empfehlungen operiert werden, denn es reicht eine einzige verbliebene bösartige Zelle, dass der Krebs zurückkommt.
Viele Patienten sind unsicher, ob Dickdarm-, Enddarm- oder Dünndarmkrebs gleich behandelt werden. Gibt es je nach betroffenem Darmabschnitt unterschiedliche Therapien?Dünndarmkrebs ist sehr selten und wird individuell behandelt; dafür gibt es keine allgemeinen Empfehlungen. Wenn wir über Darmkrebs sprechen, meinen wir Dickdarm- und Enddarmkrebs. Dabei gibt es unterschiedliche Behandlungsstrategien. Bestrahlt wird beispielsweise nur bei Enddarmkrebs und es werden unterschiedliche Chemotherapie-Schemata eingesetzt, je nach Stadium und biologischen Eigenschaften des Tumors.
Viele Patienten erkundigen sich nach einer Chemotherapie in Tablettenform. Welche Vorteile hat diese Therapie und ist sie genauso wirksam wie die Infusionsbehandlung?Bei allen Vergleichen mit Infusionen haben sich die Tabletten-Chemotherapien als gleich wirksam gezeigt, bei gleichzeitig milderen Nebenwirkungen. Sie bieten den Patienten durch die ausbleibenden Klinikbesuche für die Infusionen mehr Flexibilität, wobei es auch Nachteile gibt, zum Beispiel wenn mehrere Tabletten pro Tag eingenommen werden müssen. Darum sollte der Patient mitentscheiden, welche Chemotherapie angewandt wird.
Mehrere User äußern sich besorgt, dass bei Stomaträgern eine Chemotherapie in Tablettenform wegen einer verminderten Aufnahme des Wirkstoffs nicht wirksam sein könnte. Sind diese Sorgen berechtigt? Nein, auch Stomaträger können orale Chemotherapien erhalten. Wir haben sogar Erfahrungen mit Patienten ohne Magen, die dennoch ihre Chemotherapie als Tablette einnehmen können, ohne dass die Wirksamkeit vermindert wäre.
Abkürzungen wie FOLFOX oder XELOX stehen für die Kombination verschiedener zytostatischer Wirkstoffe. Werden Chemotherapeutika grundsätzlich in Kombination eingesetzt?
In bestimmten Situationen werden auch Monotherapien eingesetzt, z. B. als adjuvante, also vorbeugende Therapie nach der Operation bei Enddarmkrebs. Bei Patienten mit Metastasen unterscheiden wir nach der jeweiligen Situation. Bei sehr großen Tumoren setzen wir eher Kombinationen ein, weil sie schnell und effektiv wirken. Allerdings haben sie auch mehr Nebenwirkungen. Darum können wir, wenn das erste Ziel erreicht und der Tumor zurückgedrängt ist, dann auf eine Monotherapie umstellen und diese als langfristige sogenannte Erhaltungstherapie fortführen. Eine Monotherapie wird mehr für den dauerhaften als für den kurzfristigen Erfolg eingesetzt.
Eine Forennutzerin soll eine Chemotherapie mit dem „XELOX-System" machen. Sie hat Angst, weil sie nicht weiß, wie ihr Körper darauf reagiert. Mit welchen Nebenwirkungen muss sie rechnen und was kann sie dagegen tun?Das XELOX-Schema schätzen wir als gut verträgliche ambulante Therapie. Sie macht in der Regel kaum Haarausfall. Der Bestandteil Oxaliplatin kann ein bis zwei Tage nach der Infusion Neuropathien – das sind Nervenirritationen – hervorrufen. Man sollte darum vor allem Kälte und auch kalte Speisen meiden, weil Kälte die Beschwerden auslösen oder verstärken kann. Außerdem kommen Durchfälle sowie Hand-Fuß-Syndrome vor, die man aber mit Begleitmedikamenten gut behandeln kann. Außerdem können wir gegebenenfalls Therapiepausen einlegen oder Dosisreduzierungen vornehmen.
Kann man während einer Chemotherapie noch arbeiten? Wie oft muss man dafür in die Klinik?Viele meiner Patienten gehen arbeiten und führen ein ganz normales Leben. Wie oft sie in die Klinik kommen müssen, hängt davon ab, welche Therapie sie bekommen. Bei XELOX ist es beispielsweise einmal aller drei Wochen. Andere Chemotherapien werden alle zwei Wochen verabreicht.
Kann man selbst dazu beitragen, die Lebensqualität während der Chemotherapie zu verbessern und wenn ja, wie?Es gibt ein großes Angebot an zusätzlichen Therapien, viele davon mit unbewiesener Wirksamkeit. Was man immer empfehlen kann, ist körperliche Betätigung, vielleicht sogar Sport, und natürlich eine gesunde Ernährung. Die Patienten sollten fünf Mal am Tag Obst und Gemüse essen und den Konsum von Alkohol und Zigaretten auf ein Minimum beschränken oder besser noch ganz darauf verzichten.
Wie oft muss man nach abgeschlossener Behandlung zu den Nachsorgeuntersuchungen und zu welchem Zeitpunkt kann man davon ausgehen, geheilt zu sein?Das größte Risiko für einen Rückfall besteht in den ersten zwei Jahren. Bis zum fünften Jahr verringert es sich, und danach ist es sehr gering. An diesen Werten orientiert sich auch der Nachsorgeplan, der in den ersten zwei Jahren halbjährliche und danach bis zum fünften Jahr jährliche Untersuchungen vorsieht. Danach gilt wieder der normale Vorsorgeplan. Wichtig ist, dass die Patienten regelmäßig zur Nachsorge gehen. Denn auch ein Rückfall mit einzelnen Metastasen kann noch geheilt werden – das ist eine Besonderheit beim Darmkrebs.
Nach erfolgreicher Darmkrebs-Therapie werden alle 6 Monate Nachsorgeuntersuchungen durchgeführt, Darmspiegelungen aber erst nach 3 Jahren. Warum diese lange Wartezeit?Ein Darmkrebs wächst nicht innerhalb eines Jahres, sondern entsteht in der Regel über Jahre aus Vorstufen. Darum ist dieses Intervall von 3 Jahren ausreichend. Eventuelle Metastasen würden über eine Koloskopie ohnehin nicht erfasst werden, sondern nur neue Darmkrebs-Vorstufen.
Was kann man selbst tun, damit die Krankheit nicht wieder auftritt?Letztlich sollte man das gleiche tun wie die nicht-erkrankte Bevölkerung auch: Man sollte sich viel bewegen und gesund ernähren, wenig Alkohol trinken und nicht rauchen.
Prof. Ralf-Dieter Hofheinz, Universitätsklinikum Mannheim
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Diskussionsforum Darmkrebs der Deutschen Krebsgesellschaft e.V.